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Sexistische Sprache und wie sie zu verhindern ist

[4 Min Lebenszeit]

Mein Name ist Tim, ich mache gerade meinen Bachelor in PR an der Hochschule Hannover und bin seit etwas mehr als einem halben Jahr Werkstudi bei FUTUR III. Für das „PR Ehrenamt“, einem ehrenamtlichen, semesterbegleitenden Seminar des PRSH e.V., arbeite ich derzeit gemeinsam mit anderen Studierenden an einem Kommunikationskonzept für SEXISMUS*FREI.
SEXISMUS*FREI ist eine hannoversche Initiative, die sich für eine sexismusfreie Gesellschaft stark macht, auf Missstände hinweist und sich diesen durch öffentlichkeitswirksame Aktionen aktiv entgegenstellt.
Dass wir uns damit nicht der einfachsten Herausforderung gestellt haben, ist uns schnell klar geworden. Auf die Thematik aufmerksam zu machen, ist das eine. Verhaltensmuster und Denkweisen aufzubrechen, ist jedoch das eigentlich wichtige. Mit diesem Blog-Beitrag möchte ich aufzeigen, welchen Einfluss Geschlechter-Stereotypen in unserer Sprache und unserem Miteinander haben und eine Methode vorstellen, die uns helfen kann, unabhängig vom Geschlecht auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren.

 

Ein Problem liegt – ganz nach Freud – in der Kindheit

Oberflächliche Klischees und Stereotypen prägen unsere Wahrnehmung von Geschlechtern und suggerieren eine vom Mann dominierte Welt. Unsere Erziehung und Sozialisierung vermitteln uns ein Bild, welches wir fortan unterbewusst mit uns herumtragen. Und wie könnte man dieses Bild auch hinterfragen, wenn unsere Kindheitsheld*innen diese Wahrnehmung nur noch verstärken? Zählt man den Gesprächsanteil von weiblichen Charakteren aus der ursprünglichen Star Wars Trilogie zusammen und lässt Prinzessin Lea außen vor, kommt man auf ganze 63 Sekunden… Mehr als 100 Jahre sogenannte Emanzipation haben kaum dazu beigetragen, Klischees und fragwürdige Wertvorstellungen aus unserem Alltag zu verbannen. Wir wissen heute nur besser, wie diese zustande kommen – und können deshalb Wege finden, uns ihrer zu entledigen.

 

Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch – kennste?

Nee, kenn‘ ich nicht. Dieses Vorurteil, ohne das Mario Barth und Co. vermutlich arbeitslos wären, ist in Bezug auf unsere momentan herrschende Gesprächskultur völlig irreführend. Das beweisen diverse Studien:

Die Soziolinguistin Deborah Cameron untersucht seit über 20 Jahren die geschlechterbezogene Verteilung der Redeanteile bei Meetings, politischen Debatten oder Fernsehinterviews in den USA. Dabei fand sie heraus, dass Männer rund 75% der Redezeit in Anspruch nehmen. Entscheidungsfindung in Gesprächen dieser Art sind dadurch meist den Männern überlassen. Das absurde dabei: Selbst wenn Frauen den gleichen Redeanteil wie Männer in einem Gespräch haben, schätzen die Zuhörer*innen die Redezeit der Frauen als deutlich länger ein.

Professor*innen der Brigham Young University untersuchten in ihrer Forschung wiederum die Verteilung der Redezeit in Vorstandsmeetings verschiedener Universitäten. Ihr Ergebnis: Frauen sprachen nur dann zu gleichem Anteil wie ihre männlichen Kollegen, wenn sie mindestens 60% der Vorstandspositionen innehatten. Wenn sie in der Unterzahl waren, kamen Frauen lediglich auf 72% des ihnen zustehenden Redeanteils. Ein Platz an einem Tisch allein reicht also nicht aus, um auch eine Stimme zu haben.

Je mehr Männer an einem Gespräch teilnehmen, desto mehr neigt das Gesprächsklima dazu, wettbewerbsorientiert und hierarchisch zu werden. Nach Deborah Cameron wird damit großer Druck auf die geschlechtliche Minderheit ausgeübt, sich der Gesprächskultur der Mehrheit anzupassen.

 

“The Bottom line is this, ladies“ – wenn Frauen ungefragt die Welt von Männern erklärt bekommen.

Ein gutes Beispiel für das Herunterspielen einer Person in einem Gespräch ist das sogenannte “Mansplaining“. In diesem Fall gehen Männer ganz unterbewusst davon aus, sich thematisch viel besser auszukennen und verspüren das Bedürfnis, dieses Wissen mit anderen zu teilen und sie zu belehren: Ein sexistisches Verhalten, das aufdeckt, wie unbewusst herablassend der Mann dabei grundsätzlich von seiner Gesprächspartnerin denkt und wie wenig er ihr aufgrund ihres Geschlechts zutraut. Wie absurd Mansplaining in den meisten Situationen dabei wirklich ist, zeigt beispielsweise auch die Überschrift dieses Artikels von einem feministischen News-Portal ziemlich gut:

 

Matt Damon Interrupts Successful Black Woman Filmmaker to Explain Diversity to Her

– Jezedel – A Supposedly Feminist Website

 

 

Dass dieses Verhaltensmuster nicht nur unfair, sondern auch hochgradig unproduktiv für eine Besprechung oder einen Entscheidungsfindungsprozess ist, beweist Cameron ebenfalls in ihrer Studie: Je mehr Frauen in einem Gespräch beteiligt sind, desto konstruktiver sind dabei die Lösungswege. Überflüssige Unterbrechungen wie etwa Mansplaining, halten also mitunter sogar davon ab, die richtigen Ergebnisse in einem Meeting zu erzielen. Eine Erkenntnis, die beweist: Sexismus in der Sprache ist nicht nur verletzend und nervig, sondern steht uns im Arbeitsleben und auch im Alltag einfach ständig im Weg.

 

Eine mögliche Lösung: Feminismus

Schön und gut: Blog-Beiträge wie diese, machen zwar auf die Thematik aufmerksam – aber wie können wir als Gesellschaft eine Gesprächskultur etablieren, die langfristig Verhaltensmuster wie diese eliminiert und sexistischen Handlungen in einer Unternehmenskultur keinen Platz mehr bietet? Fest steht dabei, dass die vorherrschende Gesprächskultur einer fairen, geschlechtsneutralen Kultur weichen muss.

Einen Ansatz hierfür bietet die Feminist-Process-Methode: Ziel der Methode ist, ein kooperatives und partizipatives Klima in Meetings zu fördern, in denen sich alle Teilnehmer*innen geschätzt fühlen. Die Methode setzt auf eine kooperative Entscheidungsfindung aller Teilnehmer*innen, die sich selbstbewusst und ohne Angst vor möglichen Konsequenzen äußern können.

 

Tolle Theorie – aber wie setze ich sie jetzt um?

Iva Petkovic arbeitet im EU Panel Watch-Team und setzt die Female-Process Methode in ihrer Arbeitskultur bereits um. Hier einmal kurz und knapp ihre Tipps zusammengefasst:

  • Nehmt euch als Gruppe vor einem Meeting ausreichend Zeit, um gemeinsam Regeln und Ziele festzulegen
  • Würdigt das Zuhören und das Überlassen von Redezeit aller Teilnehmer*innen vor und nach jedem Meeting
  • Integriert Gruppen- und Selbstreflexion in den Check-Out eurer Meetings
  • Vermeidet bei Erklärungen oder Argumentationen die Ich-Perspektive
  • Stellt vor einem Meeting klar, dass Nebengespräche, Augenrollen oder Murmeln untersagt sind
  • Entschuldigt euch, wenn ihr einer Person während des Meetings unbewusst ins Wort fallt. Werdet ihr selbst unterbrochen, bittet um eine Entschuldigung, wann immer es nötig ist.

 

Noch wichtiger ist es für Petkovic, dass der feministische Prozess einen Ansatz bietet, Machtstrukturen innerhalb von Organisationen stärker zu hinterfragen. Die Methode soll dementsprechend auch dazu anregen, eine neue, kollegialere Gesprächskultur untereinander zu schaffen.

 

Unsere Faszination für charismatische Individuen sollte durch das Streben nach Kollektivität ersetzt werden, unser Drang zur Kontrolle sollte durch den Wunsch zu lernen ersetzt werden und unser Bedürfnis zu reden, sollte durch den Eifer zuzuhören ersetzt werden.

– Iva Petkovic

 

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Beitrag ein wenig verdeutlichen konnte, wie wichtig es ist, das Bestehende stärker zu hinterfragen und euch für Themen, die euch wichtig sind mehr zu sensibilisieren und einzubringen. Vielleicht setzen einige von euch ein paar der genannten Tipps ja bereits im nächsten Meeting um?

 

Datum: 04.06.2020
Autor: Tim Knemeyer, Werkstudierender bei FUTUR III (Stand Veröffentlichung)

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