Strategische Kreativberatung

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Power to the Praktikant*innen!

In wirren Zeiten der Krise, des stumpfen Hasses und grassierender Wut gegenüber den kleinsten und vielleicht verletzlichsten Mitgliedern der (Social-Media-)Gesellschaft, ist es ihnen selbst überlassen, das zu ändern. Praktikant*innen als Sündenböcke – was folgt ist halb Glosse, halb Ernst:

Hass abladen bleibt ungestraft

Dieser Tage stoßen wir immer wieder auf offene Diffamierungen eines eigentlich sehr ehrbaren Standes, ohne den mancher Laden schon am Boden wäre: Praktikant*innen. Doch Praktikant*innen sind nicht das Problem. Äußerungen wie diese, wie sie sich täglich überall in den Kommentarspalten dieser ach-so-sozialen Netze finden, sind es:

Na ihr Schmierfinken, da war wohl wieder der Praktikant am Werk?

Fritz Hassmussen (Name von der Redaktion geändert)

Oft beziehen sich diese blinden Wutposter*innen dabei auf imaginäre Gegner*innen, der Einfachheit halber künstlich erzeugte Feindbilder – jemand, bei dem es leicht fällt, ihm oder ihr die Schuld zuzuschieben. Sie suchen sich das augenscheinlich schwächste Glied in der Kette ihrer erwählten Gegenpartei – die „Praktikant*innen“ (nur dass die Wutposter*innen sich niemals gender-neutral ausdrücken würden). Warum geschieht das aber?

Perfect Match: Küchentisch-Psychologie und soziale Medien

Zuerst einmal bekommt das Einmaleins der Online-Trollerei seinen Auftritt: Irgendwo in einem dunklen Keller Deutschlands sitzt irgendjemand vor irgendeinem Computer, die Finger fettig von ja!-Chips, die Lippen klebrig von River Cola, die Augen geschwollen, die Haut gequollen und infektiös von langen Perioden mangelnder Körperhygiene. Dieser Jemand fühlt sich in seinem dunklen Kämmerlein vollkommen unbeobachtet, anonym – und deshalb unverwundbar.
Vor allem weil in Deutschland aber schließlich Meinungsfreiheit herrscht (!!!11!!1), denkt dieser Jemand auch, er wäre aufgefordert, zu jedem Mist seine Meinung dazugeben zu können/müssen (also ungefähr das, was in diesem Blog passiert).
Da er selbst jedoch ein eher wenig ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat, scheut er es, den Diskurs mit höher gestellten Mitarbeiter*innen des oft als „Lügenpresse!“ verschrienen, selbsterklärten „Feindmediums“ zu suchen. „Da war wohl wieder ein*e Chefredakteur*in am Werk!“ hätte zugegebenermaßen auch eine leicht abweichende inhaltliche Botschaft.

Wie auch immer: Dieser Jemand sitzt also, von Hass und Unzufriedenheit über sein trauriges Dasein zerfressen, vor seinem Computer und sucht einen Aufhänger, um sich selbst in der von Applaus-Amöben besiedelten Welt sozialer Medien zu profilieren. Ein paar Likes müssen her, ein verbündeter Kellerhocker soll bitte die große Genialität seines Altherren-Humors wertschätzen. Höhö. Praktikant*innen sind doof. Medien auch.

Glosse vorbei – jetzt fachgerechte Verarbeitung:

Doch das ist alles Schwachsinn. Wir kennen von Agenturseite kein Unternehmen und keine Onlineredaktion, wo Praktikant*innen in Eigenverantwortung an die Social Media Kanäle gelassen würden. Soziale Medien sind oft der erste und damit wichtigste Kontaktpunkt, um die Beziehung zu den identifizierten Interessengruppen zu eröffnen, daraufhin zu pflegen und somit die Bindung zur Marke oder zum Produkt zu stärken. Wer hier unbedacht agiert, wird innerhalb kürzester Zeit in Kommentarspalten und Blogs zerrissen.

Hoffnung besteht – dank der Praktikant*innen

Zuletzt gesagtes bitte nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Praktikant*innen, die diese Kompetenzen mitbringen. Der Nachwuchs kann was – man sollte ihn deshalb mindestens genau so wertschätzen wie externe Zielgruppen. Nicht selten haben digitale Eingeborene, die zusätzlich noch irgendwas-mit-Medien studiert haben, sogar ein besseres Gefühl und einen besseren Riecher für Risiko- und Trendthemen im Social Web, als manche*r alteingesessene*r Agentur-Mitarbeiter*in, die irgendwann mal Kunstgeschichte studiert hat, um letztendlich auf verschiedenen Umwegen als Berater*in in einer PR-Butze das große Glück in Form von 60 -Stunden-Wochen zu finden.
Doch auch bei diesen Super-Praktikant*innen schaut (und seien die Hierarchien noch so flach) immer noch einmal ein*e Kolleg*in drauf, welche*r am Ende die Verantwortung zu tragen hat. Nicht zuletzt auch, um die Praktikant*innen zu schützen (wenn das bei euch nicht so ist: Bitte ändern!). Schließlich geht es am Ende immer auch um eines – sei es in sozialen Medien oder anderswo: Ums Geld.

Unerfahrenheit erzeugt vollkommen freie Kreativität

Wer also jetzt gerade in seinem Keller sitzt und vor sich hin brodelt, sollte sich einer Tatsache schleunigst bewusst werden: Praktikant*innen respektlos zu behandeln ist nicht lustig oder cool. Es ist nur ungefähr so bezeichnend für die Absender*in, wie im Jahr 2017 noch Witze über LBTQ-Personen zu reissen oder fröhliche Selfies vor dem Berliner Holocaust-Denkmal für Tinder zu knipsen. Klar – den jeweiligen Absender*innen geht es nicht um die Praktikant*in selbst, sondern um den Status und die ihm oder ihr damit angeblich zuzurechnende Inkompetenz.

Die Kompetenzen vieler Praktikant*innen sind jedoch meistens größer als man denkt. Man sollte ihnen daher zuhören. Oft fehlt einfach nur die passende Position, um die vorhandenen Kompetenzen voll auszuspielen. Und auch wenn man selbst manchmal unterbewusst dem Praktikant*innen-Status Unerfahrenheit zurechnen möchte, so ist das noch lange nichts negatives: Unerfahrenheit führt zu außergewöhnlicher Kreativität – weil sie Handeln ermöglicht, das völlig frei von Wissensschranken und Erfahrungssilos ist. Fehler machen zu dürfen führt darüber hinaus auf lange Sicht immer zu besseren Ergebnissen. Wenn sich diese Erkenntnis auf Dauer bei den jeweiligen Entscheider*innen nicht einstellen sollte, sitzen diese Entscheider*innen vermutlich nach Feierabend als einzelner Jemand im Keller. Mit Chips mit River Cola.

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